Wer heute nach Carl Gustav Jung und der „Dunklen Nacht der Seele“ sucht, findet unzählige Videos, Podcasts und Artikel. Fast überall wird der Eindruck erweckt, Jung habe dieselbe Erfahrung beschrieben wie Johannes vom Kreuz. Die Begriffe scheinen längst miteinander verschmolzen zu sein. Wer sich mit Spiritualität, Mystik oder Tiefenpsychologie beschäftigt, stößt früher oder später auf diese Verbindung. Dabei gibt es ein Problem: Jung selbst spricht gar nicht von der Dunklen Nacht der Seele im Sinne des spanischen Mystikers Johannes vom Kreuz. Seine Sprache ist eine andere. Er spricht von Individuation, vom Schatten, von der Konfrontation mit dem Unbewussten, von inneren Krisen und Umbrüchen. Begriffe wie „Dunkle Nacht der Seele“ wurden erst später auf seine Gedanken angewandt. Man könnte die Sache damit als Missverständnis abtun. Doch ganz so einfach ist es nicht. Denn die eigentliche Frage lautet nicht, ob Jung denselben Begriff verwendet hat. Die eigentliche Frage lautet: Warum sehen...
Von Johannes vom Kreuz zur modernen Sinnkrise: Zwischen Mystik, Psychologie und existenzieller Tiefe