Wenn spirituelle Krisen zu Diagnosen werden Die „dunkle Nacht der Seele“ ist ein Begriff, der untrennbar mit dem spanischen Mystiker Johannes vom Kreuz verbunden ist. In seinen Werken beschreibt Johannes einen Zustand tiefster innerer Dunkelheit: Zeiten, in denen die Seele den Trost verliert, vertraute Gewissheiten zerfallen und selbst das Gebet oder die Meditation leer erscheint. Für Johannes ist dies kein Fehler, kein Zeichen eines Scheiterns – sondern ein notwendiger Prozess der Läuterung, ein Übergang zu einer tieferen Gotteserfahrung. Heute wird diese Erfahrung jedoch häufig anders interpretiert. Moderne Leserinnen und Leser – selbst solche mit Interesse an Spiritualität – neigen dazu, die dunkle Nacht der Seele als psychisches Problem zu verstehen. Depressionen, Burnout, Sinnverlust oder religiöse Wahnvorstellungen werden gerne als Analogie herangezogen, und nicht selten entsteht der Eindruck: Wenn du die dunkle Nacht der Seele erfährst, bist du krank oder gestört. Doch diese ...
Von Johannes vom Kreuz zur modernen Sinnkrise: Zwischen Mystik, Psychologie und existenzieller Tiefe