Einleitung: Mehr als nur ein mystischer Begriff Wer heute „Spirituelle Dunkelheit" oder „Dunkle Nacht der Seele“ hört, denkt oft sofort an Johannes vom Kreuz, den spanischen Mystiker des 16. Jahrhunderts. Tatsächlich hat er den Ausdruck „Noche Oscura“ literarisch und theologisch geprägt, und er ist untrennbar mit seinem Namen verbunden. Doch der Weg dieses Bildes reicht weit zurück – zu den ersten Mönchen der Wüste, zu spirituellen Kämpfen, die Jahrhunderte vor Johannes beschrieben wurden, und sogar zu Parallelen in der islamischen Mystik. Dieser Beitrag verfolgt die Spur der spirituellen Dunkelheit von den ägyptischen Wüstenklöstern über das maurische Spanien bis zu Johannes vom Kreuz – und zeigt, dass „dunkle Nächte“ in vielen Religionen nicht nur gefürchtet, sondern als notwendige Schritte zu Gott verstanden werden. 1. Die Wüstenväter – Ursprünge der christlichen Lehre von der inneren Dunkelheit 1.1 Die Bewegung in der ägyptischen Wüste Im 3. und 4. Jahrhundert zogen sich Männe...
Von Johannes vom Kreuz zur modernen Sinnkrise: Zwischen Mystik, Psychologie und existenzieller Tiefe