Das Gefühl von Verworfenheit und Verlassenheit: Eine Erfahrung aus der Dunklen Nacht – gelesen mit Johannes vom Kreuz
Vorbemerkung: Kontext, aber kein Lehrbuch
Der Begriff Dunkle Nacht der Seele ist bekannt, wird aber oft entweder psychologisiert oder romantisiert. Beides greift zu kurz. In einer früheren Episode habe ich ausführlich beschrieben, was mit der Dunklen Nacht gemeint ist, wie Johannes vom Kreuz sie versteht und warum sie keine Depression im klinischen Sinn ist.
In diesem Text geht es nicht darum, das Thema noch einmal vollständig aufzubereiten.
Hier geht es um einen spezifischen Aspekt dieser Erfahrung: das Gefühl, völlig verworfen zu sein – vor Gott, vor Menschen, vor allem, was existiert.
Was ich beschreibe, ist keine Theorie. Es ist eine Erfahrung, die ich selbst gemacht habe, und die ich später bei Johannes vom Kreuz in einer erstaunlichen Tiefe wiedergefunden habe.
1. Die erste Veränderung: „Wolke" statt Stille
Am Anfang steht oft keine klare Verzweiflung, sondern etwas Diffuseres.
Viele spirituelle Menschen kennen meditative Zustände: innere Stille, Weite, Präsenz, manchmal ein Gefühl von Verbundenheit oder Sinn. Auch wer keine Bilder oder positive Emotionen sucht, kennt zumindest eine klare Leere, eine wache Ruhe.
In der Dunklen Nacht verändert sich diese Qualität.
Statt Stille entsteht etwas, das Johannes als Dunkelheit oder Wolke beschreibt.
Nicht leer im positiven Sinn, sondern undurchsichtig. Schwer. Dicht.
Man sitzt da – und findet keinen inneren Halt mehr.
Aus eigener Erfahrung kann ich sagen:
Diese Leere ist nicht neutral. Sie hat ein Gewicht. Man kann sie nicht „durchmeditieren“. Jede Technik, die früher funktioniert hat, prallt an ihr ab.
Wichtig ist:
Das ist noch nicht das Gefühl, verworfen zu sein.
Es ist eher der Verlust der inneren Orientierung.
2. Der Verlust spiritueller Zugänge
Johannes vom Kreuz beschreibt sehr klar, dass in der Dunklen Nacht alle bisherigen spirituellen Zugänge versagen. Das betrifft nicht nur emotionale Frömmigkeit oder bildhafte Meditation, sondern auch stille, formlose Praktiken.
Er spricht ausdrücklich davon, dass:
- Gebet trocken wird
- Meditation unmöglich erscheint
- selbst innere Sammlung nicht mehr gelingt
Das ist kein persönliches Versagen und auch kein Zeichen mangelnder Disziplin. Es ist Teil des Prozesses.
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| Bild: Mano Harshith auf Unsplash |
Ich habe das genauso erlebt.
Nicht nur, dass Meditation „nicht mehr schön“ war – sie war nicht mehr zugänglich. Selbst einfache Präsenzübungen scheiterten. Der innere Raum, der jahrelang da war, fühlte sich verschlossen an.
Das Entscheidende:
Diese Blockade ist nicht vorübergehend im Sinne von „morgen geht es wieder“.
Sie markiert eine Schwelle.
Johannes ist hier sehr eindeutig:
Die Seele wird von ihren eigenen Aktivitäten getrennt, weil diese Aktivitäten – so subtil sie auch sein mögen – nicht mehr tragen.
3. Von Trockenheit zu Verlassenheit
Aus dieser spirituellen Trockenheit heraus entsteht oft eine Steigerung.
Es bleibt nicht beim Gefühl, dass „nichts mehr funktioniert“.
Irgendwann taucht ein Gedanke auf, der nicht wie ein Gedanke wirkt, sondern wie eine Gewissheit:
,,Ich bin verlassen."
Johannes beschreibt diesen Zustand als das Gefühl, von Gott verlassen zu sein.
Nicht abstrakt, sondern existenziell. Es gibt keinen inneren Bezugspunkt mehr, auf den man sich verlassen könnte.
Aus heutiger, spirituell neutraler Sprache übersetzt bedeutet das:
Das Empfinden einer grundlegenden Verbundenheit – mit dem Leben, mit dem Sein, mit einer Quelle – ist weg.
Und genau hier beginnt das, was ich als Verworfenheit bezeichne.
4. Verworfensein – mehr als Einsamkeit
Dieses Verworfensein unterscheidet sich fundamental von normaler Einsamkeit oder sozialer Zurückweisung.
Es ist:
- nicht situationsabhängig
- nicht auf einzelne Menschen bezogen
- nicht durch äußere Nähe auflösbar
Es fühlt sich an, als wäre man aus dem Ganzen herausgefallen.
Johannes geht sogar noch weiter. Er schreibt, dass sich die Seele in dieser Phase nicht nur von Gott, sondern auch von allen Kreaturen getrennt fühlt. Menschen, Gemeinschaft, Beziehungen verlieren ihre tröstende Funktion.
Das deckt sich mit meiner Erfahrung.
Selbst wenn man Kontakt hat, Gespräche führt oder Hilfe angeboten bekommt, kommt davon innerlich nichts an. Es entsteht kein echtes Gefühl von Verbindung.
Und genau hier entsteht ein besonders gefährlicher Gedanke:
„Es gibt niemanden, der mir helfen kann."
Dieser Gedanke ist kein logischer Schluss, sondern Teil der Erfahrung selbst.
Er fühlt sich absolut wahr an – und genau deshalb ist er so schwer zu relativieren.
Rückzug und Ambivalenz
In dieser Phase passiert häufig etwas Paradoxes:
Man sehnt sich nach Nähe, zieht sich aber gleichzeitig zurück. Man überlegt, jemanden anzurufen – und merkt danach, dass Alleinsein stimmiger war.
Johannes beschreibt das nicht psychologisch, sondern funktional:
Die Seele kann in dieser Phase keinen Trost aus Geschöpfen aufnehmen.
Das ist keine Ablehnung der Menschen, sondern eine vorübergehende Unfähigkeit zur Resonanz.
Die Verdunkelung der inneren Kräfte
Erst jetzt wird verständlich, was Johannes mit der Verdunkelung des Verstandes meint.
Er beschreibt, dass in der Dunklen Nacht:
- diskursives Denken eingeschränkt wird
- Erinnerungsfähigkeit abnimmt
- innere Bilder verschwinden
- der Wille kraftlos erscheint
Das kann sich irritierend anfühlen. Manche beschreiben es fast wie eine leichte Demenz: Man kann nicht mehr so klar denken, sich nicht mehr gut erinnern, nicht mehr planen.
Johannes ist hier sehr deutlich:
Das ist kein Defekt. Es ist eine notwendige Reduktion.
Die gewohnten Steuerungsmechanismen des Ichs verlieren ihre Dominanz.
Meine Deutung: Bewusstsein der eigenen Blindheit
Hier kommt ein Punkt, den Johannes so nicht explizit formuliert, der sich mir aber aus der Erfahrung heraus erschlossen hat.
Johannes sagt:
- Der Verstand wird verdunkelt.
- Die Sinne können das Übernatürliche nicht erfassen.
Was mir rückblickend klar wurde, ist Folgendes:
Vielleicht wird nicht das Bewusstsein dunkler –
sondern man wird sich der Dunkelheit bewusst, in der man immer schon war.
Alle Menschen sind mit ihren Sinnen und Denkstrukturen blind für das, was Johannes das „übernatürliche Licht“ nennt.
Der Unterschied ist: Der Mensch in der Dunklen Nacht merkt es.
Und genau dieses Bewusstwerden fühlt sich wie ein Verlust an.
Warum sich Gott fern anfühlt
Johannes erklärt diesen Punkt sehr präzise.
Das übernatürliche Licht – also das, was jenseits von Denken, Wahrnehmen und Fühlen liegt – erscheint dem Menschen als Dunkelheit, weil es nicht mit den gewohnten Erkenntnismitteln erfasst werden kann.
Mit anderen Worten:
- Gott (oder die absolute Realität) ist nicht abwesend
- sondern unsere Wahrnehmung ist ungeeignet
Je näher man an diese Realität herankommt, desto weniger funktionieren die gewohnten Instrumente.
Was früher Orientierung gab, fällt weg.
Und genau deshalb fühlt sich Nähe wie Ferne an.
Ego – anders verstanden
Oft wird in spirituellen Kontexten von „Ego-Auflösung“ gesprochen. Das ist missverständlich und führt zu unnötigen Projektionen. Niemand verliert in der Dunklen Nacht sein Ich.
Was tatsächlich passiert, ist etwas anderes:
- Identifikationen werden gelockert
- Kontrollmechanismen verlieren ihre Macht
- das Ich wird durchlässiger
Man könnte sagen:
Die Ich-Struktur wird nicht zerstört, sondern weich geklopft.
Das hat nichts mit moralischer Überlegenheit zu tun und auch nichts damit, „kein Ego mehr zu haben“. Es ist eine funktionale Veränderung.
Sensibilisierung und Hochsensibilität
In diesem Zusammenhang spielt Sensibilität eine Rolle. Nicht im psychologischen Sinn von Überreizung, sondern als feinere Wahrnehmungsfähigkeit.
Die Dunkle Nacht macht nicht empfindlicher für die Welt, sondern für das, was subtiler ist als die Welt.
Wer dazu mehr wissen will, findet dazu eine eigene Episode – hier nur so viel:
Die Verdunkelung bereitet eine andere Art des Wahrnehmens vor.
Die neue Kontemplation
Das ist der eigentliche Sinn des Ganzen – und zugleich der Punkt, der am leichtesten missverstanden wird.
Die alte Meditation kehrt nicht einfach zurück.
Bilder, Techniken, selbst stille Präsenz verlieren ihre zentrale Bedeutung.
Johannes beschreibt stattdessen eine gottgewirkte Kontemplation:
- passiv
- nicht machbar
- kaum wahrnehmbar am Anfang
- jenseits von Denken und Fühlen
Sie ist leise. Unspektakulär.
Und genau deshalb übersieht man sie leicht.
Aus eigener Erfahrung kann ich sagen:
Man muss erst lernen, diese neue Qualität überhaupt zu erkennen. Sie hat nichts von den früheren spirituellen Erlebnissen. Aber sie ist tiefer.
Schluss: Verworfensein als Schwelle
Das Gefühl, verworfen zu sein, ist real.
Es ist eines der schwersten Erlebnisse auf dem spirituellen Weg.
Aber es ist:
- kein Zeichen von Versagen
- kein Beweis von Wertlosigkeit
- kein endgültiger Zustand
Es ist eine Schwelle.
Johannes vom Kreuz hat das mit einer Klarheit beschrieben, die bis heute trägt. Und meine eigene Erfahrung bestätigt:
Was sich wie absolute Dunkelheit anfühlt, ist oft der Punkt, an dem die alten Lichter nicht mehr ausreichen.
Weiterführende Literatur
Juan de la Cruz / Johannes vom Kreuz – Die Dunkle Nacht der Seele
– Das zentrale mystische Werk, in dem der Prozess der dunklen Nacht ausführlich beschrieben wird.
– Mehrere Ausgaben und Übersetzungen verfügbar; deutsche Übertragungen geben den Originalkommentar wieder (z. B. in gesammelten Werken).Teresa von Ávila – Die innere Burg
– Klassischer Text zur spirituellen Entwicklung der Seele in verschiedenen „Wohnungen“ des inneren Lebens; bietet Kontext zur Dunklen Nacht.
(Hinweis: Historische spirituelle Quelle; spezifische Editionen je nach Verlag.)Gerald G. May – Die Nacht der Seele: Mit Mystikern aus der Depression; Verlag/Edition: Deutsche Ausgabe, Kösel Verlag (Sekundärliteratur)
William Styron – Sturz in die Nacht: Die Geschichte einer Depression; Verlag/Edition: Deutsche Übersetzung, Piper Verlag (Sekundärliteratur)
