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Jenseits von Introversion und Hochsensibilität: Warum Menschenmengen in der dunklen Nacht so erschöpfend sind

Viele Menschen, die durch eine dunkle Nacht gehen, machen eine irritierende Beobachtung:

Menschenmengen werden plötzlich extrem erschöpfend.

Nicht nur unangenehm.

Nicht nur stressig.

Sondern tief ermüdend, manchmal regelrecht auslaugend.

Das Merkwürdige daran ist:

Nicht alle Betroffenen waren vorher introvertiert.

Nicht alle würden sich als hochsensibel bezeichnen.

Manche waren früher sogar gern unter Menschen.

Irgendwann entsteht dann die Frage:

Was ist hier eigentlich los?

Warum fühlt sich das plötzlich so anders an?

Westliche Erklärungen greifen hier oft zu kurz.

Begriffe wie „Reizüberflutung“, „Sensibilität“ oder „Introversion“ beschreiben zwar einen Teil des Phänomens, hinterlassen aber bei vielen ein ungutes Gefühl – als wäre man selbst das Problem, als wäre man „zu empfindlich“ oder falsch eingestellt.

Doch es gibt noch eine andere Perspektive.

Eine, die weniger pathologisiert und mehr Zusammenhänge sichtbar macht.

Die dunkle Nacht verändert nicht nur das Innere

Die dunkle Nacht wird oft als innerer Prozess beschrieben:

Leere, Sinnverlust, fehlende Verbindung, spirituelle Trockenheit.

Was dabei leicht übersehen wird:

Sie verändert auch die Art, wie wir andere Menschen wahrnehmen – und wie wir von ihnen berührt werden.

Innere Schutzmechanismen lösen sich.

Gewohnte Filter fallen weg.

Man wird durchlässiger.

Nicht im Sinne von „schwächer“, sondern im Sinne von offener.

Und genau hier beginnt etwas, das viele erst nach und nach verstehen:

Die Belastung durch Menschenmengen hat nicht nur mit der Anzahl von Reizen zu tun, sondern mit der Qualität dessen, was man aufnimmt.

Warum sie in der dunklen Nacht stärker spürbar werden

In der dunklen Nacht lösen sich viele innere Schutzschichten auf:

  • Identifikationen bröckeln,
  • gewohnte Selbstbilder verlieren Halt das Ego wird durchlässiger

Dadurch wird man sensibler, aber auch verletzlicher.

Was vorher gefiltert wurde, kommt nun ungefiltert an.

Ein Mensch, der innerlich stark verdrängt lebt, erzeugt oft eine hohe innere Spannung.

Diese Spannung wird im Buddhismus direkt den Kleshas zugeschrieben.

Wenn Sie sich auf einen Weg der Wahrnehmung, Ehrlichkeit und Innenschau begeben, entsteht ein Kontrast:

Sie gehen auf sich selbst zu.

Andere laufen vielleicht vor sich selbst weg.

Dieser Gegensatz ist nicht nur psychologisch – er wird körperlich und energetisch spürbar.

Ein Blick in östliche Traditionen

Viele spirituelle Traditionen haben diese Dynamiken schon lange beschrieben – ohne sie zu individualisieren oder zu psychologisieren.

Im Buddhismus spricht man von Kleshas, den sogenannten Geistesgiften.

Im Yoga von Prana, der Lebensenergie, die sich sammelt, zerstreut oder staut.

Beide Traditionen gehen davon aus, dass innere Zustände nicht isoliert bleiben, sondern in Beziehung wirken – besonders dort, wo Menschen längere Zeit nahe beieinander sind.

Gerade in der dunklen Nacht, wenn innere Strukturen instabil werden, treten diese Wechselwirkungen deutlich hervor.

Die Kleshas – Geistesgifte im Buddhismus

Im Buddhismus spricht man von Kleshas – oft übersetzt als Geistesgifte oder mentale Trübungen.

Sie sind keine moralischen Fehler, sondern Grundkräfte des ungeklärten Geistes.

Zu den zentralen Kleshas zählen:

  • Avidyā – Nichtwissen, Verdrängung, Weglaufen vor der eigenen Wirklichkeit
  • Rāga – Anhaften, Gier, Sucht (auch nach Ablenkung)
  • Dveṣa – Abneigung, Aggression, Widerstand
  • Māna – Ich-Verhaftung, Vergleich, Überhöhung oder Minderwert
  • Abhiniveśa – Angst, besonders die Angst vor Auflösung und Kontrollverlust

Wichtig:

Diese Kleshas wirken nicht nur individuell, sondern auch zwischen Menschen.

Bild: Evgenyi Beloshi auf Unsplash 

Prana im Yoga – Bewegung von Lebensenergie

Im Yoga spricht man von Prana, der Lebensenergie, die durch Atem, Aufmerksamkeit und innere Haltung bewegt wird.

Prana ist nie neutral.

Es fließt immer in eine Richtung:

  • nach innen oder nach außen
  • sammelnd oder zerstreuend
  • klärend oder vernebelnd

Menschen, die stark im Außen leben – ständig am Handy, ständig stimuliert, ständig abgelenkt – haben oft ein zerstreutes Prana.

Das Problem ist nicht, dass sie „falsch“ leben.

Sondern: Zerstreutes Prana wirkt ansteckend.

Energetische Übertragung – kein esoterischer Sonderfall

Viele spirituelle Traditionen gehen davon aus, dass sich Zustände übertragen, besonders bei Nähe und Dauer.

Im Yoga nennt man das:

  • Prana-Austausch
  • Übertragung von Samskaras (Prägungen)

Im Buddhismus spricht man von:

  • Resonanz von Geisteszuständen
  • gegenseitiger Bedingtheit (Pratītyasamutpāda)

Modern erklärt man Ähnliches mit:

  • Spiegelneuronen
  • emotionaler ,,Ansteckung"
  • Co-Regulation und Dysregulation

Der Kern ist derselbe:

Der Mensch ist kein geschlossenes System.

Warum verdrängte Emotionen besonders belastend sind

Eine deiner wichtigsten Beobachtungen ist zentral – und wird durch viele Traditionen bestätigt:

Offene Probleme sind oft weniger anstrengend als verdrängte.

Wenn jemand offen über Angst, Trauer oder innere Not spricht, ist Energie in Bewegung.

Sie fließt.

Verdrängte Emotionen hingegen sind gestaut.

Sie äußern sich als:

  • innere Unruhe
  • Nervosität
  • Reizbarkeit
  • Leere
  • permanente Ablenkung

Für sensible Menschen – besonders in der dunklen Nacht – ist genau diese Stauung extrem belastend.

Man nimmt nicht „Gefühle der anderen“ im inhaltlichen Sinn auf, ...

...sondern deren ungelebte Spannung.

Warum Menschenmengen so erschöpfend werden

Ein einzelner Mensch mit viel innerer Unruhe kann schon anstrengend sein.

Ein Raum voller Menschen, die:

  • vor sich selbst weglaufen
  • ständig stimuliert sind
  • innerlich nicht anwesend sind
  • wirkt wie ein Verstärkerfeld.

Im Buddhismus würde man sagen:

Viele ungeklärte Geisteszustände in Resonanz.

Im Yoga:

Zerstreutes Prana ohne Erdung.

In moderner Sprache:

Dauerhafte Überforderung des Nervensystems.

Weiterführende Gedanken

Die Frage, warum Menschenmengen für manche weit mehr als nur unangenehm oder anstrengend sein können, führt letztlich über die üblichen Kategorien von Introversion und Hochsensibilität hinaus. Sie berührt größere Fragen danach, wie unterschiedlich Menschen ihre Umwelt wahrnehmen, wie durchlässig die Grenze zwischen innerem und äußerem Erleben werden kann und welche Herausforderungen daraus im Alltag entstehen.

Mit diesen Fragen beschäftige ich mich auch in meiner Aufsatzsammlung ,,Kontemplationsgerecht leben". Dort geht es nicht nur um Durchlässigkeit und besondere Formen der Wahrnehmung, sondern auch um die offensichtlicheren Schwierigkeiten, die auf einem kontemplativen Weg im Alltag entstehen können: Verfügbarkeit gegenüber Arbeitgebern, Behörden, etc.

Zwei empfehlenswerte Beiträge, die das Thema ,,Durchlässigkeit" behandeln, finden sich hier und unten in der Literaturliste:

Wenn die Zukunft die Gegenwärtigkeit besetzt – Warum der kontemplative Weg in Übergangsphasen besonders ,,durchlässig" wirdhttps://stilleweg.blogspot.com/2026/08/kontemplative-durchlassigkeit-termine.html

Zwischen Einheit und Psyche: Versuch einer Beschreibung geistiger Assoziationen nach tiefer Kontemplationhttps://stilleweg.blogspot.com/2026/06/geistige-assoziationen-kontemplation.html

Weiterführende Literatur 

Bhagavata Purana (deutsche Ausgabe) – hinduistische Lehre über innere Freiheit & Pflicht.

Dalai Lama & Lehner: Von hier zur Erleuchtung – buddhistische Sicht auf Erwachen.

Hesse, Hermann: Lektüre für Minuten.

Johannes vom Kreuz: Die Dunkle Nacht der Seele.

Jung, Carl G. (1921): Psychologische Typen – Über die Psychologie der Mystik; Archetypen, Individuation, spirituelles Wachstum.

Jung, Carl G. (1972): Bewußtes und Unbewußtes. Beiträge zur Psychologie. Olten: Walter.

Patanjali: Yoga‑Sutra des Patañjali (Übersetzung: Georg Feuerstein). Shambhala – klassische indische Philosophie über Samadhi. 

Schellenberger, Bernardin: Die Stille atmen. München: Kösel, 2014. 

Teresa von Ávila: Die Innere Burg. 

Vaughan-Lee, Llewellyn: transformation des Herzens. Die Lehren der Sufis. Aus dem Amerikanischen von Franziska Espinoza, Fischer Taschenbuch Band 14257

Waldesruh, Rebekka (2026): Kontemplation, Nervensystem und Gesellschaft: Ein Weg durch die innere Öffnung. Stilleweg: Zwischen Wüste und Welt. https://stilleweg.blogspot.com/2026/04/kontemplation-und-nervensystem.html


Verfasst von Rebekka Waldesruh
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